Artikel der Zeit

Astronomen verlieren den Durchblick. Vereint mit Tierschützern kämpfen sie gegen wachsende Lichtverschmutzung


von Stefan Gillessen

Wo sind die Sterne geblieben?

Vincent van Gogh fühlte sich dem Himmel noch nahe. "Ich habe ein schreckliches Bedürfnis - soll ich das Wort sagen? - nach Frömmigkeit. Dann gehe ich in die Nacht hinaus und male die Sterne." Gesagt, gemalt. Majestätisch prangt in van Goghs Gemälde "La Nuit toilée" der Große Wagen über Arles.

Heute wäre dem Maler das fromme Erlebnis kaum mehr vergönnt. Künstliche Lichtermeere verdecken die himmlische Schönheit, die Faszination des Alls geht im städtischen Streulicht unter. Das anläßlich dieser "Lichtverschmutzung" abgehaltene 112. Kolloquium der Internationalen Astronomischen Vereinigung stellte schon 1988 fest: Neben der Beleuchtung des Nachthimmels stören auch im Sonnenlicht widerscheinende Satelliten und künstliche Radioquellen die Beobachtung der Sterne.

"Die Radioastronomie könnte in fünfzehn Jahren tot sein", warnt der Astronom Derek McNally vom University College in London. Sorgen bereitet ihm etwa die nächste Generation von Wettersatelliten. Meteorologen wollen sie mit Radarsystemen ausstatten, die die Erdatmosphäre ständig durchleuchten. "Eine wissenschaftliche Disziplin macht eine andere blind", ärgert sich McNally. Dabei wäre ein weltweiter Schutz der astronomisch bedeutenden Frequenzen wichtig, um die quer über den Globus verteilten Radioteleskope weiterhin zusammenschalten zu können (siehe obenstehenden Artikel). Dies macht die Stärke der Radioastronomie aus, und ihr verdanken wir einen Großteil des Wissens über unsere Milchstraße.

Bisher nahmen die Betreiber von Fernsehstationen und Radiosendern Rücksicht auf die Forscher und ließen genügend Lücken im Frequenzband. Die stark wachsende Zahl der Mobiltelephone beansprucht allerdings immer mehr Frequenzen bei hohen Sendeleistungen und treibt den Marktwert der Radiokanäle in die Höhe. Jedes Megahertz Bandbreite kostet heute bereits zehn Millionen US-Dollar.

Zwei Prozent des Radiospektrums waren bislang der Astronomie vorbehalten doch dieser Schutz ist kaum noch aufrechtzuerhalten. Das jüngste Beispiel dafür ist das Firmenkonsortium Iridium LLC, das in den vergangenen zwölf Monaten 72 Satelliten für ein weltweites Mobiltelephonnetz ins All schickte. Diese werden ab September 1998 den gesamten Globus mit Radiowellen bestrahlen, deren Frequenz in der Nähe astronomisch wichtiger Bänder liegt.

Auch die optische Astronomie leidet unter den Iridium-Satelliten. Ihre stark reflektierenden Antennen blitzen im Sonnenlicht sekundenlang und gut zwanzigmal heller als die Venus auf. Bis zu sechs dieser Iridium-Blitze können jeden Abend nach Sonnenuntergang überall auf der Erde gesehen werden. "Ein Amateur hält das Licht leicht für eine Supernova", weiß der Astrophysiker Dan Green aus leidvoller Erfahrung. Immer wieder erhält er Anrufe vermeintlicher Entdecker von Sternexplosionen und muß ihnen mühsam die wahre Ursache erklären. Oft reagieren die Hobbyforscher ihre Enttäuschung an dem Astronomen ab.

Die Astronomen solidarisieren sich mit verirrten Lurchen

Dabei leiden die Fachleute selbst unter dem Licht der künstlichen Trabanten: Die helle Leuchtspur eines Satelliten ruiniert in Sekundenschnelle stundenlange, teure Belichtungen. Bei der großen Zahl von Objekten in Erdumlaufbahnen finden die Astronomen heute auf jeder großflächigen Himmelsaufnahme zwei bis drei Satellitenspuren. Allerdings läßt sich das Gefunkel präzise vorausberechnen. Via Internet kann sich jedermann kostenlos vom German Space Operations Center bei München für den eigenen Standort die nächsten Ereignisse bestimmen lassen. Noch störender als das Leuchten aus dem Orbit sind für die Himmelskundler allerdings irdische Lichtquellen. Gegen die unnötige Aufhellung des Nachthimmels wehrt sich die 1988 gegründete International Dark Sky Association. Ihr Vorsitzender David Crawford rechnet vor, daß in den USA 0,8 Prozent der elektrischen Energie sinnlos in den Himmel strahlen. "Das ist mehr als der Gesamtstromverbrauch Ungarns und kostet den Steuerzahler über eine Milliarde Dollar pro Jahr."

Auch die deutsche Initiative gegen Lichtverschmutzung "Dark Sky" will die Lichtvergeudung verringern. Sie plädiert für optimiertes Lampendesign, Zeitschaltuhren und den Einsatz gelber Natriumdampflampen, deren Licht man bei astronomischen Beobachtungen leicht ausfiltern kann. Da Natriumlicht auch Nachtfalter weniger verwirrt, erwärmen sich inzwischen selbst Tierschützer für die Vorschläge der Dunkelheitsbewahrer.

Winfried Kräling, Vorsitzender von Dark Sky, sucht gerne nach Fällen, in denen künstliche Lichter die Tierwelt schädigen. Als etwa im November 1996 ein Skybeamer einer Discothek in Lauterbach Kraniche auf ihrem Flug in den Süden irritiert hatte, erklärten sich die Sterngucker sofort mit den Vögeln solidarisch. Auch Lurche gehören neuerdings zu den Freunden der Hobbyastronomen, seit ein Amphibienexperte aus Leer nachwies, daß die Tiere durch die Lichteffekte am Himmel in ihrer nächtlichen Wanderung gestört werden.

Nur selten können die Befürworter des "dunklen Himmels" wirklich Triumphe feiern und die Abdunkelung ganzer Städte genießen. Als im März und April vergangenen Jahres der Komet Hale-Bopp das Firmament kreuzte, knipsten vier italienische Großstädte bewußt die Lichter aus. Möglichst viele Menschen sollten wenigstens zwei Stunden am himmlischen Schauspiel teilhaben können.

Heute genießen nur noch Berufsastronomen in abgelegenen Observatorien einen unverstellten Blick nach oben. Der Hobbysterngucker Ron Dantowitz aus Boston hat bereits aus der Not eine Tugend gemacht. Statt Naturwunder wie Galaxien oder Gasnebel zu betrachten, beobachtet er von Menschenhand gefertigte Objekte. Mit einem Teleskop späht er in die Ladebucht des Spaceshuttles oder zur Raumstation Mir. Ist das nun höhere Lebensweisheit oder einfach Pragmatismus? Vielleicht beobachtet Dantowitz ja auch nur die einzigen Objekte, die am Bostoner Nachthimmel noch zu sehen sind.


Unter http://www.zeit.de/links/ finden Sie weitere Informationen über das Very Large Telescope und die Initiativen gegen Lichtverschmutzung

(C) DIE ZEIT 04.06.1998 Nr.24

last update November 14, 1999